Zur Psychologie des Hörens

In einem interessanten Beitrag zur "Psycho-Psychologie des Hörens"* stellt sich Ortwin Meiss die Frage, weshalb sich Tinnituspatienten nicht an Ohrgeräusche gewöhnen, während wir doch sonst "gleich bleibende Geräusche irgendwann ausblenden" würden, und wieso sie diese Ohrgeräusche stärker als andere Geräusche hören, "die objektiv messbar lauter sind".

 

Die Antwort liegt laut Meiss darin, dass unsere Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen keine biologische Vorgabe ist, sondern zu einem wesentlichen Teil durch innere Verarbeitungen mitbestimmt wird.

 

Ganz allgemein und ohne Bezug auf den Tinnitus lässt sich mit Ortwin Meiss feststellen: Dass wir jeweilige Geräusche als stärker oder schwächer wahrnehmen, hängt auch mit der Bedeutung zusammen, die wir ihnen im Einzelnen geben.

 

Meiss folgend, lassen sich auflisten:

 

- Kontrolle: Geräusche, die wir selbst bewirken (z.B. wenn wir am Schlagzeug sitzen oder Musikanlagen bedienen), nehmen wir weniger als störend wahr, weil wir uns durch die Kontrolle, die wir über sie ausüben, besser auf sie einstellen können. Bedeutsam ist für unser Empfinden, ob wir die Geräusche beeinflussen können.

 

- Sinnhaftigkeit und Struktur: Geräusche sind für uns weniger störend, wenn wir ihren "Sinn" verstehen und ihn als relevant erleben, z.B. wenn ein Handwerker in unserer Wohnung etwas bohrt, wofür wir ihn ja beauftragt haben (statt dass irgendwo im Haus irgendjemand etwas bohrt und wir weder die Dauer des Ganzen noch Ziel und Zweck erkennen können).

 

- Gewöhnung: Geräusche, die immer wiederkehren oder ständig vorhanden sind, werden vielfach ausgeblendet und oft kaum mehr wahrgenommen, wenn sie für uns nicht bedeutungsvoll sind (z.B. tickende Uhren, leise brummende Kühlschränke).

 

- Signalwert: Geräusche, die für uns Signalwert besitzen, nehmen wir oft ganz explizit wahr, auch vor einer Geräuschkulisse (z.B. wenn bei einer Feier in einem Gespräch unter einigen Fremden, dem wir gar nicht weiter folgen, plötzlich unser Näme fällt, ist unsere Aufmerksamkeit geweckt; für Mütter hat es einen Signalwert, wenn sie ihr Kind schreien hören, auch kleinere Geräuschveränderungen nehmen sie oft deutlich wahr).

 

- Emotionale Relevanz: Wir nehmen Geräusche stärker wahr, sie drängen sich uns stärker auf, wenn sie in uns Gefühle auslösen oder sich mit ihnen verbinden. Wenn wir uns, um ein Beispiel zu nennen, über bestimmte Geräusche ärgern, fällt es uns schwerer, an ihnen einfach vorbeizuhören oder sie zu überhören.

 

- Normalitäts-Erwartungen: Wenn wir die Erwartung haben, dass es "eigentlich" ruhig sein müsste, z.B. im Zimmer eines Luxushotels, enttäuschen Geräusche diese Erwartung, wodurch in uns Ärger entstehen kann.

 

Hörpsychologie und Tinnitus

Für den Tinnituspatienten kann das Ohrgeräusch überwältigend sein, sodass es ihm sehr schwerfallen mag, sich auf Erwägungen einzulassen, welche Rolle die Psyche spielt. Nichtsdestotrotz ist sie relevant, weil man laut Meiss den Test machen kann:

 

"Vergleicht man das Ohrgeräusch mit anderen Geräuschen, indem man sie gleichzeitig darbietet, bis schließlich das andere Geräusch den Tinnitus überdeckt, so stellt man fest, dass in der subjektiven Einschätzung des Patienten das Ohrgeräusch oft als sehr viel lauter wahrgenommen wird, als es objektiv ist."

 

Der Tinnitus drängt sich dem Menschen auf, wie ein ungebetener Gast. Er entzieht sich der Kontrolle, es mangelt ihm an "Sinnhaftigkeit"(s.o.), es gibt keine gute Erklärung für ihn, damit auch keine Zielsetzung - was ihn umso belastender macht und negative Gefühle bestärkt, die die Aufmerksamkeit an ihn binden und die Gewöhnung an ihn erschweren.

 

Das therapeutische Ziel ist daher, diesen Teufelskreis zu durchbrechen und den Signalwert des Ohrgeräuschs immer weiter zu reduzieren. Statt zu dem Tinnitus hinzuhören, ist es wichtig, dahin zu gelangen, dass man ihn überhören lernt. Oder von ihm weghören lernt. Das hat viel mit dem Loslassen zu tun, auf das ich in der Hypnose abziele: sich aus dem Problemzustand zu befreien, zunächst in der hypnotischen Trance und dann auch im wachen Alltag.

 

 

*verfügbar unter https://milton-erickson-institut-hamburg.de/pdf/Die%20Psychologie%20des%20Hörens.pdf